Julian Liniger, Co-Founder und CEO von Relai, hielt die Keynote an unserem zehnjährigen Jubiläum. Im Anschluss sprach er mit uns über Fokus im Dauerwandel, agile Umsetzung und darüber, was KI in einer Organisation wirklich wirksam macht.
KI verändert sich im Wochentakt. Wer sie in einer Organisation einsetzen will, steht damit vor einem Problem, das sich mit Werkzeugen allein nicht lösen lässt: Die Technologie entwickelt sich schneller, als klassische Planung es zulässt. Julian Linigers Antwort darauf hat wenig mit Tools zu tun und viel damit, wie ein Unternehmen aufgestellt ist.
Julian hielt die Keynote an unserem Jubiläumsanlass agilist.live 2026. Zehn Jahre agilist., ein Abend mit sehr unterschiedlichen Menschen und sehr unterschiedlichen Themen auf der Bühne. Der Co-Founder und CEO von Relai sprach über die Unterscheidung zwischen Bitcoin und Krypto, über den Aufbau von Relai hinter den Kulissen und darüber, was es bedeutet, bei KI all in zu gehen — unter voller Exponierung.
Wir hatten die Gelegenheit, mit Julian über ein Thema zu sprechen, das uns bei agilist. seit zehn Jahren begleitet und mit dem Aufkommen von KI aktueller denn je geworden ist: Wie Organisationen die Beweglichkeit entwickeln, um neue Technologien erfolgreich in Wirkung zu bringen.
«Von zehn Fragen musst du zu neun Nein sagen»
agilist.: Bitcoin ist zyklisch, KI verändert sich im Wochentakt, dazu Bewegung im Finanzmarkt und geopolitische Unsicherheiten. Wie schafft man es als Unternehmen, sich in dieser Dynamik laufend anzupassen?
Wichtig ist, dass man einen ganz klaren Fokus hat. Weniger ist mehr. Dass man eine klare Ausrichtung hat: eine Vision, eine Mission, Ziele, OKRs. Dass für die ganze Organisation klar ist, wo wir hinwollen, welche Kunden wir bedienen und welches Problem wir lösen.
Und dann dranbleiben und Nein sagen können. Von zehn Fragen musst du zu neun Nein sagen. Zu Dingen, die ausserhalb passieren, die innerhalb passieren, neue KI-Modelle und so weiter. Sehr viel ausgrenzen — und nur das angehen, was wirklich relevant ist. Das ist einfacher gesagt als getan.
Es geht darum, sich nicht ablenken zu lassen und sich nicht von irgendwelchen Opportunitäten verführen zu lassen. Sondern zu sagen: Das ist das, was wir machen wollen. Nicht mehr.
«Wir müssen starr bleiben auf der Vision und flexibel in der Umsetzung»
agilist.: Heisst das, Agilität ist für dich als CEO der Schlüssel für so vieles in deinem Unternehmen?
Genau in diesem Bereich der Umsetzung agil zu bleiben, ist ein Muss. Wenn du dort Strukturen schaffst, die nicht flexibel und nicht anpassungsfähig sind, funktioniert es nicht. Eine Kultur mit einem agilen Mindset ist eigentlich das Einzige, was funktioniert — und ein grosser Vorteil, wenn du sie hast.
Als wir unsere Vision formuliert haben — Bitcoin zu den Leuten bringen —, war KI noch gar kein Thema. Am Ziel hat das nichts geändert. Aber das Wie hat sich stark verändert. Wir müssen starr bleiben auf der Vision und flexibel in der Umsetzung.
Es ist aber schwierig, weil es keine Planbarkeit gibt. Der Mensch liebt Planbarkeit grundsätzlich. Es gibt viele Friktionen. Die Mitarbeitenden hätten am liebsten eine Roadmap für die nächsten zwölf Monate, die man Schritt für Schritt abhaken kann. Das wäre für sie der beste Fall. Aber es ist nicht möglich — sonst bleibst du zu starr. Das macht es sehr dynamisch und manchmal stressig, es kann zu Verwirrung führen. Aber es ist ein Muss.
«Ohne diese Haltung würde das Ganze nicht funktionieren»
Die drei Voraussetzungen, damit KI wirkt — nachzulesen in unserem Ratgeber Agile KI-Integration.
agilist.: Wir sagen: Damit KI wirksam wird, braucht es agile Führung, agile Strukturen sowie eine agile Haltung und Vorgehensweise (siehe dazu). Welcher dieser Bausteine hat bei Relai den grössten Hebel?
Ohne diese agile Haltung würde das Ganze nicht funktionieren. Der Mensch ist ein wichtiger Teil in diesen Organisationen. Wenn du in einem hochdynamischen Umfeld sehr agil sein musst, dann geht das nur mit Leuten, die ein agiles Mindset und eine agile Haltung mitbringen.
«Die Leute an Bord holen und Erfolgserlebnisse schaffen»
agilist.: Viele Unternehmen experimentieren mit KI, kommen aber nicht über diese Phase hinaus. Wie schafft man den Schritt darüber hinaus?
Bei uns hat es genauso angefangen: mit einzelnen Leuten, die experimentiert haben. Einige im Leadership-Team, einige in den Teams. Aber die wenigsten — vielleicht 10 bis 20 Prozent.
Erstaunlicherweise war die Ablehnung gross. Gerade auch in den innovativen Berufen, bei den Engineers. Die waren zuerst ziemlich in der Abwehrhaltung.
Das Wichtigste ist, dass du die Leute an Bord holst und Erfolgserlebnisse schaffst. Zeigen, austauschen, greifbar machen: wie KI jedem Mitarbeitenden hilft, seinen Job besser, schneller und in höherer Qualität zu machen. Das Versprechen ist ja, dass du nicht mehr zwölf Stunden arbeiten musst, sondern acht — und das Gleiche erreichst. Und dabei viel lernst, was dich auf dem Arbeitsmarkt spannender macht. KI als positive Kraft framen.
Bei den meisten Veränderungen ist es so: Ein Drittel ist sofort voll dabei. Ein Drittel tut sich am Anfang schwer und kommt dann an Bord. Und ein Drittel bleibt auf Distanz — und geht in der Realität häufig woanders hin. So war es bei uns auch.
«Investieren in what's next»
agilist.: Wir feiern heute 10 Jahre agilist. Was ist zentral, damit Organisationen in zehn Jahren noch erfolgreich sind?
Die Organisationen, die in zehn Jahren erfolgreich sind, schaffen es, das, was sie tun, weitgehend zu automatisieren. Die Workflows laufen lassen, die Prozesse zu 90 Prozent automatisiert haben. So wenig menschlichen Aufwand wie möglich im Tagesgeschäft.
Damit sie maximal Zeit haben, Neues zu bauen und sich weiterzuentwickeln — und entsprechend skalierbar sind. Erfolgreich werden die sein, die am meisten Umsatz pro Mitarbeitendem machen und am schnellsten wachsen können, weil sie am meisten in das Nächste investieren können.
Nicht viel Aufwand und Hirnmasse investieren, um den Laden am Laufen zu halten — sondern fast alles investieren in what’s next.
Was das für die Wirksamkeit von KI bedeutet
Vier Punkte aus diesem Gespräch decken sich mit dem, was wir in unserer Arbeit beobachten.
KI verschärft die Fokusfrage, statt sie zu lösen. Jede Woche entstehen neue Möglichkeiten, und jede davon wirkt für sich genommen sinnvoll. Neunmal Nein zu sagen gelingt nur dort, wo die Ausrichtung unstrittig ist. Fehlt sie, wird aus KI-Aktivität kein Fortschritt, sondern Zersplitterung — viele Pilotprojekte, wenig Wirkung.
Stabiles Ziel, bewegliche Umsetzung. Wer KI einführen will, kann nicht zwölf Monate im Voraus planen, welche Fähigkeiten zur Verfügung stehen werden. Planungssicherheit muss deshalb aus dem Warum kommen, nicht aus der Roadmap. Das ist die unbequeme Botschaft: Wer Agilität einführt und dabei Planbarkeit verspricht, verspricht das Falsche.
Einführung heisst Erfahrung, nicht Schulung. Dass ausgerechnet die technischsten Rollen zuerst abwehrten, überrascht viele — deckt sich aber mit unserer Erfahrung. Wirksam wurde KI bei Relai nicht über Vorgaben, sondern über sichtbare Erfolge an echten Aufgaben. Genau dafür braucht es iteratives Vorgehen: ausprobieren, zeigen, anpassen, nicht flächendeckend ausrollen und hoffen.
Haltung ist der Baustein, den man nicht beschliessen kann. Agile Führung und agile Strukturen lassen sich einführen und dokumentieren. Eine agile Haltung entsteht aus Erfahrungen. Für uns ist das keine Relativierung unseres Modells, sondern seine Reihenfolge: Führung und Strukturen schaffen die Bedingungen, unter denen sich Haltung überhaupt entwickeln kann. Wer nur an der Haltung arbeitet, ohne die Rahmenbedingungen zu ändern, betreibt Appellpolitik.
Und der Ausblick auf die nächsten zehn Jahre führt zurück zum Ausgangspunkt: Prozesse lassen sich nur automatisieren, wenn sie beschreibbar sind und Entscheidungen klar zugeordnet werden können. Automatisierungsvorhaben scheitern selten an der Technologie. Sie scheitern an Organisationen, die ihre eigenen Abläufe nicht kennen.
Genau daran arbeiten wir mit unseren Kundinnen und Kunden: an der agilen Basis, die KI erst wirksam macht. Der erste Schritt ist dabei nie die Tool-Auswahl, sondern eine ehrliche Standortbestimmung. Unsere KI-Potenzialanalyse liefert genau das — als Selbsttest mit 12 Fragen zum Herunterladen oder als begleitete Analyse mit eurem Führungsteam.
Lieber direkt sprechen? Schreib uns an hallo@agilist.ch — kostenloses Erstgespräch.
Herzlichen Dank an Julian Liniger für das Gespräch — und an alle, die mit uns zehn Jahre agilist. gefeiert haben.

