Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Planning_poker 

Generell gilt: je mehr Möglichkeiten man hat, desto schwieriger kann es sein, sich für die Richtige zu entscheiden. Bei Aufwandsschätzungen ging es mir ähnlich. Mit der Einführung von Scrum war Planning Poker mit Story Points das Mass aller Dinge. Mit der Zeit realisierten meine Teamkollegen und ich jedoch, dass es durchaus auch Konstellationen gibt, in denen wir die Schätzung nach Stunden bevorzugten. In der Folge kam es auch vor, dass wir Planning Poker mit Stunden durchführten, ebenfalls mit der für Planning Poker vorgesehenen Fibonacci-Zahlenfolge.

Soweit, so gut. Doch als wir unser Setting mit Story Points oder Stunden schön zurechtgelegt hatten, kam plötzlich der abenteuerliche Ansatz auf, GAR NICHT MEHR zu schätzen (No Estimates). Ja was denn nun?

Wann machen welche Schätzmethoden am meisten Sinn und bei welchen Konstellationen können wir Schätzungen mit gutem Gewissen ganz weglassen?

In der untenstehenden Tabelle haben wir einige positive und negative Aspekte für die erwähnten Schätz-Varianten aufgelistet. Die Auflistung ist am letzten Treffen der agilst. community entstanden und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Schätzen mit Positive Aspekte Negative Aspekte
Story Points

(Abstrakte Einheit, die die Grösse einer User Story beschreibt)

  • Relatives Schätzen wird einfacher
  • Ermöglichen Aussage zum Volumen der Stories
  • Story Points schützen das Team, sind teamfähiger
  • Geben dem Team die Möglichkeit, ein gemeinsames Verständnis über die Stories zu erreichen
  • Sind schwierig zu erklären / verstehen
  • Generell abstraktes Konzept
Stunden

(Aufwand für eine User Story in Stunden)

  • Geeignet für kleinere Stories (2-12h), da Aufwand besser konkret abschätzbar
  • Tendenziell einfacher anwendbar bei Firmen-internen Projekten, wenn der Aufwand weniger kritisch kontrolliert wird
  • Ermöglicht sehr detailliertes Controlling, darum kann das Team weniger gut geschützt werden
  • Zeigen am deutlichsten eine Scheinwahrheit, denn Schätzungen sind per se ungenau
Keine Schätzung
(No Estimates)
  • Anwendbar, wenn die Aufgaben im Product Backlog immer etwa gleich gross sind (die Stories werden idealerweise durch den PO bereits so formuliert)
  • Je „reifer“ eine Organisation ist, desto grösser wird die Möglichkeit, auf Schätzungen zu verzichten
  • No Estimates zeugt von Vertrauen zwischen Kunde und Lieferant
  • Basiert auf Erfahrung und ist somit für ganz neue Projektinhalte und/oder unerfahrene Teams nur bedingt anwendbar

 

Zwei Alternativen zu den in der Tabelle behandelten Schätz-Varianten

  • T-Shirt-Grössen: z.B. XS, S, M, L, XL
    Wie die Fibonacci-Zahlen ebenfalls eine abstrakte Grösse, jedoch in der Regel leichter zugänglich und darum einfacher anzuwenden als Story Points.
  • Qattro Stagioni (¼-Tage), als gröber gefasste Alternative zur Schätzung mit Stunden.
    „Ich mache meine aktuelle Story fertig…“ „…bis zur Vormittags-Pause“, „…bis am Mittag“, „…bis zur Nachmittags-Pause“, „…bis Feierabend“.

 

Einige abschliessende Erkenntnisse

  • Schätzungen sind per Definition ungenau! Diese Erkenntnis hilft vielen Kunden oder Projektsponsoren, keine unrealistischen Erwartungen an die Korrektheit der Schätzungen aufzubauen.
  • Für den attraktiv tönenden No Estimates-Ansatz ist das passende Projekt und das richtige Umfeld eine unabdingbare Voraussetzung.
  • DIE richtige Schätz-Variante gibt es nicht!

 

Fazit

Bei der Auswahl der optimalen Schätzmethode hilft mir das Wissen, dass es mehrere valable Varianten gibt und welches deren Vor- und Nachteile sind. Bei jedem neuen Projekt kann ich dann zusammen mit dem Team aufgrund der gegebenen Rahmenbedingungen die passende Methode auswählen und so zumindest in Bezug auf die Aufwandsschätzung einen optimalen Projektstart hinlegen.